Mittwoch, 11. Januar 2017

Mama ohne Baby - Die Zeit danach



Zuhause. Es war seltsam. Ich fühlte mich immer noch glücklich, als ob ich nicht ganz verstanden hatte, was da passiert war.
Heute weiß ich, dass es die Zeit vor dem Aufschlag war.
Ich war quasi Fallschirmspringen gewesen. Die Vorfreude, das aufregende Unbekannte, der Flug nach oben.... Und dann wirst du rausgeschubst. Moment! War das schon die richtige Höhe, wieso bin ich denn einfach rausgeschubst worden?! Hm.. Ganz schön kalt, ganz schön schnell... Lieber mal am Schirm ziehen. Ups, da ist gar keiner.... Die Welt kommt aber ganz schön schnell ganz schön nah!!! Aufprall....
Zwei Tage nach der Geburt kam alles über mich. Ich habe geweint, ich habe geschrien, nie zuvor war ich so verzweifelt. Ich habe mein Goldstück gesucht, obwohl ich wusste, dass es nicht da war. Krankes Hirn... Ich sehe es bis heute als entsetzlich grausam an, dass nach einer Todgeburt alles im Körper abläuft wie nach einer normalen Geburt. Wird man nicht schon genug gequält? Der Wochenfluss, Nähte, Milchfluss.... Ich empfand es als grausame Zuschaustellung, dass ich theoretisch Mama war. Ich wollte mich doch nur um mein Kind kümmern, aber da war nichts. Ich konnte mich nicht kümmern.
Ich räumte auf, putze. Fast zwanghaft um irgendwie Ordnung in mein inneres Chaos zu bekommen. Ich wollte gut darin sein zu trauern, alles gut aufarbeiten, wenn ich schon keine Mama sein konnte, wollte ich mich wieder haben! Ich war glücklich vor der Schwangerschaft, mir fehlte nichts im Leben und jetzt war alles nichtig und mein Baby war tot. Ich sträubte mich, dieses Mitleid überall...
Ich ertrug es nicht, als ob mein Schmerz nicht groß genug wäre, auch ohne, dass man mir sagte, wie schrecklich alles sei.
Ich weiß wie ungerecht man gedanklich zu den Menschen ist, die es so gut mit einem meinen. Doch trotzdem ist der Umgang schwer mit "normalen" Menschen.
Also begann ich wieder zu lächeln, besser den eigenen Schmerz verstecken als überall nur Mitleid und Unsicherheit zu sehen. Am Anfang fühlte sich Lächeln nach Verrat an. Schnell zog ich mich wieder zurück, wenn ich auf Menschen getroffen war mit denen ich umgehen musste. Das geht mir auch jetzt noch so.
Es kostet unglaublich viel Kraft, ich werde seitdem unwahrscheinlich schnell müde und komme sehr schnell an meine Grenzen.
Noch schlimmer, dass die Welt dich nicht als Mama sieht, du dich aber sehr wohl. Du willst mitreden! Neulich konnte man sich doch noch über die richtigen Windeln und Rückbildungskurse unterhalten und plötzlich war man draußen, gehörte nicht mehr dazu... Einem wird nicht nur das Baby genommen, sondern auch das Mama-sein gestohlen. So ungerecht...
Ich habe die ersten Wochen die Sonne nicht ertragen, wie konnte sie scheinen? Was für einen Sinn machte es zu waschen, wenn doch neulich noch Goldstückchens Sachen gewaschen worden waren und diese jetzt umsonst waren. Der Kinderwagen...., Autositz, Stillkissen.
Aber es hilft ja alles nichts, die Welt hört nicht auf sich zu drehen, andere wollen sehen, dass es einem besser geht, Mann und Hund sind auch traurig und brauchen einen. Wäre es richtig dem Tod mein Leben auch noch zum Frass vorzuwerfen? Nein, also versuche ich seitdem wieder die Alte zu werden. Mit Blick in die Zukunft. Ich wünsche mir ein Geschwisterchen, ich will mein Leben wieder, will wieder Sinn in den Dingen finden. Davor hatte es doch auch alles zusammengepasst und wurde von mir erledigt. Wo ist das alles nur hin?

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