Freitag, 24. Februar 2017

Zeit

Wie viel Zeit braucht man, bis man wieder bereit ist? Bereit für das Leben, für die Liebe, den zweiten Versuch? Bereit für Spaß ohne Schuldgefühle?
Ich kann ja nichts dafür, dass mein Kind tot ist. Gut, genau genommen kann ich schon was dafür, ich habe mich schließlich für den Fetozid entschieden, aber für die Trisomie18 und die Nicht-Lebensfähigkeit, dafür kann ich nichts.
Unterm Strich würde ich jetzt trotzdem ohne Baby dastehen. Als Mama eines toten Babys. Ich vermisse mein Goldstück natürlich, wäre gerne die Mama eines fast 5 Monate alten Wonneproppen, der mich manchmal in den Wahnsinn treibt und um den Schlaf bringt. Bin ich aber nicht. Nichts und niemand hält mich davon ab um 18Uhr ins Bett zu gehen oder am Wochenende erst um 10 Uhr aufzustehen, außer mein schlechtes Gewissen vielleicht.
Dieses schlechte Gewissen ist es auch, dass mich davon abhält mit einer furchtbar lieben Freundin auf einen Fasnachtsumzug zu gehen. Ich würde so gerne, obwohl ich die Fasnacht an sich nicht mal wirklich mag, aber ich würde sie wieder sehen und es wäre ein Stück Normalität. Einfach weggehen, vollkommen frei, ohne Gedanken.
Doch in meinem Kopf meldet sich plötzlich das schlechte Gewissen und die Angst klopft gleich mit an. "Wie kannst du Spaß haben wollen, einfach normal unter Menschen gehen, obwohl dein Kind noch keine 6 Monate tot ist? Was sollen Menschen von dir denken, die dich sehen und wissen was passiert ist? Was wenn jemand kommt und dir Mitleid zeigt? Mit Mitleid kannst du von allem am aller wenigsten umgehen.... Was wenn du wieder vor anderen heulst?".
Und plötzlich möchte man sich wieder lieber zuhause übers Wochenende einkuscheln, in die warme Gemütlichkeit. In die Sicherheit flüchten, sich nichts und niemandem aussetzen müssen.
Wie viel Zeit braucht man, um sicher zu sein, dass niemand einen veruteilt, weil man seiner Meinung noch in Sack und Asche zuhause trauern müsste? Oder ist das nur eine weitere Schranke im Kopf? Die eigene Verurteilung, das eigene schlechte Gewissen? Darf man den tatsächlich schon wieder Spaß haben? Heißt Spaß Vergessen?
Es ärgert mich. Ich bin meine eigene Geisel. Selbst wenn mir jemand blöd kommen würde, wüsste ich, dass meine sonst so niedliche und unendlich goldige Freundin sich vermutlich auf denjenigen schmeißen würde wie ein wütender Wombat und ihm die Leviten lesen würde. Trotzdem bin ich mir noch nicht sicher, ich will und ich will doch nicht. Beim Geburtstag meines Schwagers ist diese:"Hurra, es lebe die Normalität!"-Mentalität, gründlich daneben gegangen. Ich will ihr und dem Rest ja auch nicht den Spaß kaputt machen, wenn ich doch plötzlich von der nackten Panik in den Hintern gebissen werde. Natürlich könnte ich, wenn es passieren sollte, behaupten ich wäre ein Zitteraal und die Tränen Teil meines Kostüms (schließlich wäre ich ein Aal und der kommt aus dem Wasser, hallohooo?), aber das wäre dann Umgang mit der eigenen Panik für Fortgeschrittene Level 10 und ich dümpel noch irgendwo bei 3 rum. Also erforsche ich nochmal gründlich mein Innerstes bevor ich eine Entscheidung treffe, man hat ja schließlich Verantwortung, nicht wahr...

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