Freitag, 24. März 2017

Brief an meine Tochter

Mein Goldstück,
gestern Nacht habe ich wieder von dir geträumt. Ich liebe es zu schlafen, denn im Traum bist du bei mir, besser gesagt, ich bin bei dir. Ich sehe dich, du bist gewachsen und heute Nacht hatte ich dich auf dem Arm. Bin wippend und singend mit dir auf und ab gelaufen und hab das Nasen-Klau-Spiel mit dir gespielt, dass du bei Papa so liebst.
Dann kam einer mit einem Baby, ein Engel?, kann sein. Diesen Traum hatte ich ja schon öfter mit dir. Nur dieses Mal bin ich auf ihn zugelaufen und habe das Baby genommen und hatte euch beide auf dem Arm. Ich war glücklich, du und dein Geschwisterchen, perfekt, ich habe dir einen Kuss gegeben und wir haben uns deinen Bruder genauer angeguckt.
Während du im Traum leicht wie ein Feder bist, habe ich sein Gewicht gespürt. Ich war stolz, dass ich ihn endlich genommen habe. Du allein weißt, dass ich den Kerl mit Baby letztes Mal angeschrien habe, er soll endlich gehen, denn ich will nicht wieder etwas annehmen, was mir ja doch wieder weggenommen wird. Er war schon öfter bei uns, aber ich habe dem Kerl nicht vertraut, dennoch kam er immer wieder.
Gestern war es, als ob du mir einen Schubs gegeben hast. Und plötzlich war da dieses Vertrauen, dass er mir das Kind bringt und nicht holt und ich habe es genommen.
Dann bin ich aufgewacht und habe über dich und mich nachgedacht. Bin ich eine gute Sternenmama für dich?
Ich bin in einem Forum für Trisomie18 Kinder und Eltern. Ein kleine Trisomie18 Familie, die leider immer größer wird. Hat man Fragen, Ängste,Sorgen kann man sich dort allen anvertrauen, man kennt sich und ist doch anonym. Alle sind dort zusammen, die, die ihre Kinder ausgetragen haben, die, die Schwangerschaft beendet haben, Eltern mit toten Trisomie18 Kindern und welche mit lebenden.
Manchmal frage ich mir wie es wäre, wenn ich anders entschieden hätte, wenn ich abgewartet hätte  und einfach geguckt hätte ob du lebend auf die Welt kommst oder nicht. Und dann denke ich an meine Freundin Rosa. Spürt eine Mama ob es reicht? Ob die Zeit für das eigene Baby gekommen ist bei so einer Krankheit?
Du, mein Schatz hast über Wochen kein Gramm mehr zugenommen, deine Herztöne immer schwächer, immer schlechter, deine Organe, keins war unauffällig. Aufgegeben hast du trotzdem nicht.
Meine Freundin Rosa war krebskrank und ist letztendlich an Multiorganversagen gestorben. Das alles ging rasend schnell, kurz vor ihrem Tod war ich bei ihr im Krankenhaus, sie hatte Schmerzen, es ging ihr schlecht... sie wollte sterben, sagte, dass alles besser ist als dieses mit Schmerzmittel zugepumpe, es solle einfach aufhören, es wäre doch eh längst vorbei. Sie hat aufgegeben, ihr Körper noch nicht. Neben ihr lag eine Dame mit Knochenkrebs, sie lag seit Jahren immer wieder dort. Ich wollte es nicht hören, half ihr beim Haare waschen, redete ihr Mut zu, dass das Leben doch schön sei, sie nicht aufgeben dürfte. Aber Rosa hat gelächelt und gemeint, sie würde sich wünschen das die Sterbehilfe erlaubt wäre, aber das könnte ich nicht verstehen.
An diesen Moment musste ich bei meiner Entscheidungsfindung zurück denken, mein Schatz. Ich musste daran denken wie sehr sich diese so tolle Frau den Tod gewünscht hat, sie war auch stark mein Engel, genau wie du. Sie hatte mir beschrieben, wie es sich anfühlt, wenn du merkst, dass dein Organe nicht mehr können. Sie hatte trotz Morphium Schmerzen. Das wollte ich dir nicht antun, ich konnte es dir nicht antun.
Mamas größte Angst war, dass du auch nur 5 Minuten leiden musst, ich hätte es mir nie verzeihen können. Im Inneren glaube ich die richtige Entscheidung getroffen zuhaben. Im Herzen hoffe ich, du hast diese blöde Spritze nicht wirklich gemerkt. Und ich hoffe für dich war es der Weg, bei dem du am wenigsten leiden musstest.
Wärst du noch hier, hätte ich dir die Entscheidung nicht abgenommen? In der Gruppe sind einige Kinder mit schlechter Prognose schon ganz schön alt. Ich glaube nicht mein Schatz, alleine, dass du kein Gramm mehr zugenommen hast über Wochen, obwohl du gewachsen bist, war für mich ein deutliches Zeichen. Mein kleines Fliegengewicht. Ich weiß seitdem was die Liebe wiegt und wie groß die Liebe ist. :-) 1309 Gramm wiegt sie und sie ist 43 cm groß, die Liebe.
Du bist Mamas Goldstück, daran wird sich auch in 100 Jahren nichts geändert haben, du wirst immer die Große sein, mein erstes Kind, die, die auf die Nachzügler aufpassen muss. Die große Schwester und ja, auch die Cousine. Du wirst in unserer Familie von allen Kindern, die noch bei mir und meiner Schwester kommen, die Älteste sein. Die große Kleine. Meine Liebe zu dir wächst, mit jedem Herzschlag von mir, ich habe gelesen, dass ein kleiner Teil der DNA für immer in Blut der Mutter mitrumschwimmt. Das heißt, wenn es denn wirklich stimmt, ich habe dich für immer unter meiner Haut, ein kleiner Teil von dir lebt hier unten weiter.


Kommentare:

  1. Liebe Gina, mit allem, was Du geschrieben hast, sprichst Du mir so sehr aus der Seele. Du hast als Mama entschieden, eine Mama, die ihr Kind von ganzem Herzen liebt. Du bist eine tolle Mama und ich wünsche Dir so sehr, dass es bald was wird mit dem Geschwisterchen.

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  2. Ach du bist so ein Schatz! Dankeschön! <3

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