Donnerstag, 30. März 2017

Passt auf euch auf, lasst euch helfen

Schon öfter habe ich euch berichtet, dass ich mich in meiner Rolle als Sternenmama mittlerweile gut eingelebt habe. Ich habe akzeptiert was passiert ist und kann mittlerweile mit ziemlich viel Stolz hoch in die Sterne gucken und denken, was ich doch für eine tolle Tochter da oben habe.
Ob andere mich als Mama sehen ist mir egal, ich bin es und gut ist. Auch damit kann ich mittlerweile sehr gut leben.
Neidisch auf Schwangere bin ich immer noch, aber ich hatte mittlerweile schon wieder öfter selbst mit Hochschwangeren zu tun und was soll ich sagen... ich habe es überlebt ohne danach heimlich irgendwo in Tränen auszubrechen. Ich gehe raus , mein Leben ist wieder erschreckend normal und ich genieße es in vollen Zügen, denn es ist ein Geschenk! Ich weiß, dass es auch ganz anders hätte ausgehen können, dass ich zerbrochen in irgendeiner Ecke einer Einrichtung sitzen könnte und dem Leben keinen Sinn mehr abgewinnen könnte. All das war eine Gradwanderung, ein Seiltanz und für viele Mütter mit dieser Erfahrung ist dies danach traurige Realität.
Ich hatte das Glück, dass ich die Sonne im Sturm erahnen konnte, habe mich an den kleinsten Strahl gehangen und nun steh ich hier im Warmen und bin am Leben.
Meine Wunden die ich davon getragen habe heilen. Was anfangs nur grob zusammengehalten wurde von ein paar Nähten und an vielen Stellen weitauseinander klaffte hat sich verändert.
Ich sage nicht, dass es leicht war. Ich habe viele Stunden damit verbracht diese Wunde zu betrachten. Habe immer wieder kleinste Bereiche zusammengebastelt. War ich an einer Stelle fertig, ist so oft eine andere Stelle wieder aufgegangen. Zum Glück habe ich als Kind gerne gepuzzelt, also habe ich mit Geduld immer wieder von neuem begonnen diese Seelenwunde zusammenzuflicken. Irgendwann hat sich eine zarte Kruste gebildet unter der es alles etwas schneller heilen konnte. Dennoch habe ich mich immer noch täglich davor gesetzt und sie gepflegt. Ihr geholfen, wenn sie gespannt hat, an manchen Stellen schmerzhaft leicht geblutet hat. Irgendwann hat sich die Kruste angefangen zu lösen. Die Wunde untendrunter hatte sich verschlossen, war zur Narbe geworden. Ich hatte noch nie die beste Wundheilung, ich spüre die Narbe, aber ich gehe immer  noch täglich zu ihr, diesem Wunden-Wunder. Sie ist schön, ich betrachte sie als eine Art Kunstwerk, sie gehört voll und ganz zu mir. Sie erinnert mich an das was ich verloren habe aber auch was ich gewonnen habe und wie ich bereits sagte: Es ist okay!
Ich streue etwas Glitzer über die Narbe und winke zum Himmel hoch, guck mein Goldstück, du bist immer noch hier unten bei Mama!

Was ist mit den Menschen um mich? Können sie es auch von sich sagen? Die, die mein Verlust ebenfalls sehr hart getroffen hat?
Tatsächlich habe ich bei einigen nicht den Eindruck. Aber wie auch? Während ich mich mit meiner Trauer und meinem Verlust intensiv beschäftigt habe, waren diese weiter in einer Art Schockstarre, haben mitangesehen wie ich hilflos am Boden lag, K.O. in der ersten Runde, ausgeknockt vom Leben. Ich glaube in ihren Köpfen ist gar nicht angekommen, dass auch sie einen Verlust erlitten haben, den es aufzuarbeiten gilt, denn ihrer Ansicht bin nur ich es die leiden darf. Eine Grenze in ihren Köpfe, haben sie denn nicht das gleiche Recht zu leiden und zu heilen?
Meiner Meinung nach doch und es ist so wichtig. Ich habe den Eindruck, sie sehen gar nicht wie gut es mir heute wieder geht, denn in ihren Köpfen ist einfach nur die Trisomie18, der Fetozid, die stille Geburt, meine Trauer. Nicht meine Heilung, mein Weg durch die Trauer und diese unbändige Liebe zu meiner Tochter. Der Schock, dass mir DAS passiert ist, sitzt bei ihnen zu tief und sie verdrängen ihn, tun so als ob er nicht zu Ihnen gehört. Jeder ihrer Gedanke daran ist wie ein Zusammenzucken in einem Horrorfilm. Die Projektion ihres Schmerzes auf mich ist leichter, lässt den Schmerz, den ich nicht mehr habe, vermeintlich bei mir. Ihnen fehlt mein Entwicklungsschritt, sage ich, dass ich eigentlich wieder ganz glücklich bin, ist das mehr ein kopfschüttelndes, mitleidiges Etwas, denn sie können sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es wirklich so sein könnte. Es ist ein Oxymoron für sie, etwas was sich nicht vereinen lässt, was ich da sage, kann es für sie nicht geben, denn es liegt jenseits ihrer Vorstellungskraft.
Für mich ist das alles greifbarer, klar, mir ist es ja auch passiert. Aber dadurch lässt es sich für mich leichter verarbeiten. Für mich war der Schock real, für sie sureal. Mit Tatsachen und Erlebtem kann man sich auseinander setzten, mit einem Gedankenschock ist das weitaus schwieriger. Wäre es leichter gewesen, wenn sie meine Tochter hätten sehen und halten können? Sich auch real von ihr verabschieden hätten können? Hätte es diesen riesen Schock für sie verdaubarer gemacht?
Es hat Spuren im Leben anderer hinterlassen und das tut mir furchtbar leid!
Ich wünsche mir sehr, dass auch Angehörige besser auf sich aufpassen in so einer Situation, mehr Hilfe bekommen. Für die trauernde Mama und den trauernden Papa ist es definitiv am Schlimmsten aber Ihnen gesteht man so viel leichter zu, dass sie Zeit und Hilfe brauchen dies aufzuarbeiten.
Die anderen wollen zusätzlich stark sein und sprechen es sich ab Hilfe zu benötigen, denn es ist ihnen schließlich nicht selbst passiert.
Doch, es ist ihnen selbst passiert, ihr seid an unserer Seite, ihr habt euch mit uns auf die Babys gefreut und habt es mit uns Sterneneltern verloren. Nicht nur wir Eltern habe hier etwas aufzuarbeiten! Lasst euch helfen, redet darüber was euch und nicht nur uns dabei passiert ist, denn ihr habt definitiv einen Streifschuss abbekommen. Das gilt wirklich für jeden Angehörigen in so einem Fall, nicht nur den Eltern passiert dieses Schicksal auch ihr verliert etwas geliebtes. Keiner sagt, dass ihr die Eltern beleidigt damit, wenn ihr sagt, dass auch ihr nicht mit der Situation zurecht kommt. Niemand glaubt von euch, dass ihr die Bühne des Elends als eure missbraucht. Wir die trauernden Eltern lieben euch für eure Anteilnahme und wollen, dass auch ihr mit einer Narbe weiterlebt, nicht mit einer versteckten offenen Wunde durch das kommende Leben lauft, die sich irgendwann entzündet und so nie heilt. Passt auf euch auf!


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